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Biografie Moritz Heidenheim wurde 1824 als ältester Sohn des Kantors der jüdischen Gemeinde Worms geboren. Nach dem Abitur widmete er sich einige Zeit ausschliesslich rabbinischen Studien, unter andern beim Wormser Rabbiner Jakob Koppel Bamberger. Von diesem autorisiert wirkte Heidenheim als Schächter und Lehrer, zeitweise auch als Prediger und Kantor in der Synagoge. Da er Rabbiner werden wollte, besuchte er 1850/51 die Universität Giessen und promovierte in Philosophie. Um diese Zeit trat er zum Christentum über und setzte seine Studien am King’s College in London fort, wo er 1859 zum anglikanischen Priester ordiniert wurde. Neben seiner Gemeindearbeit in London erforschte er hebräische und samaritanische Manuskripte in verschiedenen europäischen Bibliotheken. 1864 gelangte er als anglikanischer Kaplan nach Zürich. Hier arbeitete er 25 Jahre lang sehr engagiert für die anglikanische Gemeinde. Neben dieser Aufgabe las er als Privatdozent für Altes Testament an der Universität Zürich. Sein Vorlesungsangebot umfasste neben christlicher Theologie rabbinische Literatur und verschiedene semitische Sprachen; Heidenheim wollte christliche Wissenschafter vom Wert der rabbinischen Literatur für die Exegese überzeugen, fand jedoch zumal als konvertierter Jude kein Gehör. Seine Bemühungen, eine Professur zu erlangen, scheiterten am Widerstand der Fakultät. Heidenheim gab drei Periodica heraus: Die "Bibliotheca Samaritana" (188496), die "Vierteljahresschrift für deutsch- und englisch-theologische Forschung" (186173) und die "Anglican Church Leaves" (188798). Die ersten beiden dienten vorwiegend der Publikation samaritanischer Texte, deren religionsgeschichtliche Tragweite Heidenheim als einer der ersten unterstrich. In seinem Landhaus in Zürich-Wollishofen mit Blick auf See und Alpen legte sich Heidenheim eine Privatbibliothek an, die Hebraica und Judaica in Form von rund 3000 Drucken und Handschriften umfasst. Nach seinem Tod im Jahr 1898 gelangten seine Bücher dank einem Spendenaufruf der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich an die damalige Stadtbibliothek. Heidenheims Leben, Wirken und Scheitern sind auf dem der Hintergrund deutsch-jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts einzuordnen, insbesondere die Wirkung des Kulturprotestantismus lässt sich in Heidenheims Lebenslauf ablesen. Emanzipierte und in stärkerem Mass konvertierte Juden wurden ihren protestantischen Mitbürgern so ähnlich, dass sie von diesen als "unheimliche Doppelgänger" (Uffa Jensen) wahrgenommen wurden; zur Abwehr dieser Bedrohung gewann die Idee der "jüdischen Andersartigkeit" an Einfluss und verunmöglichte die vorurteilslose Beurteilung der samaritanischen und rabbinischen Literatur und ihrer Vertreter. So wurde Heidenheim von Juden aufgrund seiner Konversion und von Christen aufgrund seiner jüdischen Herkunft weitgehend ignoriert und seine Publikationen wurden entsprechend wenig beachtet. |